Übertage schaffen wir ganze Erdteile – Gondwanaland. Untertage versenken wir, getreu dem eigens dafür kreierten Marketingmotto „Hin und weg“, die Moneten in einem Tunnel. Dort verschwinden nicht nur die Euros sondern auch unsere zwei Helden aus der Leipziger Stadtverwaltung.
Bei einer Röhren-Inspektion verirren sich Frau Kaufmann und Herr Schurig und stolpern plötzlich durch Raum und Zeit. Es beginnt eine beispiellose Odyssee durch Leipzig, wie es war und immer bleiben wird – ein Ort, wo man, wie schon Lessing sagte: „… die ganze Welt im Kleinen sehen kann“.
Werden unsere beiden Beamten dabei den Lauf der Stadtgeschichte ändern können? Wird Leipzig doch noch Olympiastadt 2012 und J. S. Bach endlich seine langersehnte Bierkantate komponieren?
Sie werden es erleben.
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Rezension aus der LVZ vom 24.1.12 von Mark Daniel:
"Nennt mich nicht Völki" - Bejubelte Academixer-Premiere: "Die Rache des Lipsi-Schritts" reist durch Raum und Zeit
Es ist eine ironisch gebrochene Hymne auf Leipzig, eine Melange aus Liebeserklärung und Spott. Vor allem aber ist die neue Academixer-Produktion "Die Rache des Lipsi-Schritts", die am Sonntag umjubelte Premiere feierte, endlich wieder eine, die das Etikett "Kabarett" verdient. Von Mark Daniel
Titel und Werbe-Optik legen eine falsche Fährte. Wer den vor 53 Jahren kreierten und früh wieder beerdigten Lipsi - sozialistische Entgegnung auf den Rock'n'Roll des Klassenfeindes - im Namen führt, lockt jüngere Besucher eher nicht hinterm PC hervor. Und das Plakatmotiv mit Darstellern in Klischee-Kostümierung deutet jenes Maß von Komödiantentum an, das seit Jahren das Brettl-Profil der Stadt ins Banale drückt.
Doch die Verpackung täuscht, denn der Inhalt schillert und unterhält famos. Der frische Wind, den der künstlerische Leiter Frank Voigtmann seit seinem Antritt vor rund 15 Monaten in den Mixer-Keller zu lenken bemüht ist, weht hier spürbar von der Bühne bis in die letzte Reihe. Was anfangs wie eine Entschuldigung klingt - das Thema Wulff will keiner mehr hören, deshalb spiegelt man Leipzig -, entpuppt sich vor allem nach der Pause als unverkrampftes Wechselspiel von Mikro- zu Makrokosmos und zurück.
Nicht selten stehen die
Absurditäten des Lokalkolorits für das große Ganze,
für Fragwürdigkeiten in puncto Politik und Zeitgeist. Wenn Johann Sebastian Bach sich der Stadtrats-Forderung nach seichten Kompositionen beugen muss, ist der Brückenschlag zur aktuellen Massenbespaßung nicht weit - sei es die von Klassik untermalte Karstadt-Wasserfontäne, der tumbe Holzmichel oder Bohlens Superstar-Gecaste. Nicht zuletzt darf diese Szene auch als Anspielung auf Verflachung im eigenen Genre verstanden werden.
Dass "Die Rache des Lipsi-Schritts" sich angenehm von der Beliebigkeit weg und hin zu kabarettistischer Existenzberechtigung bewegt, liegt zuerst einmal an den Texten. Voigtmann, der auch Regie führt, hat zusammen mit Robert Schmiedel und Martin Maier-Bode staubige Kalauer ebenso gemieden wie absehbare Pointen und Allgemeinplätze; hinzu kommen starke Songs von Bettina Prokert. Die Grundidee: Die Rathaus-Angestellten Kaufmann und Schurig verlieren im City-Tunnel die Orientierung, tasten sich durch Räume und Zeiten - sie begegnen Napoleon, Industriepionier Karl Heine, Bach oder dem Chauffeur Hermann Görings, der auf den Ausgang des Leipziger Reichstagsbrandprozesses wartet. Schurig möchte dem Nazi-Schergen gern an die Gurgel, Kaufmann gibt zu bedenken: "Was wird dann aus Guido Knopp?" Je länger der Abend, desto häufiger kommt er dem Anspruch nahe, den Peter Treuner im Entrée formuliert: "Ich möchte politisches Kabarett machen." Der Fokus wechselt vom NPD-Büro im Stadtteil Lindenau hin zur Zwickauer Terrorzelle, vom grantelnden Völkerschlachtdenkmal zum undurchschaubaren Verfassungsschutz, es geht um Größenwahn und Kleingeistigkeit auf lokaler wie auf Bundes-Ebene. Nebenbei landen provinzielle Populismen auf der Schlachtbank, profilieren sich die Autoren als Anwälte des guten Geschmacks: "Nennt mich nicht Völki", grummelt das Denkmal, und "Fischer-Art guckt sich irgendwann weg". In einer
Glanznummer enthüllt
Katrin Hart, wie die SED die Abschaffung des Kapitalismus vorantreibt: durch einen Ex-Kanzler, der SPD-Ideale verrät und nach seiner Amtszeit mit den Russen paktiert; durch eine Grünen-Partei, die Soldaten in den Krieg schickt; durch eine FDJ-Funktionärin, die Kanzlerin wird und mit der FDP koaliert; durch totale Überwachungsmöglichkeiten des Bürgers dank Handys und Facebook. Auf diese Art reale Kuriositäten gebündelt als infame taktische Vorgänge zu verkaufen, erntet Bravo-Rufe.
Ein weiterer Qualitäts-Faktor: die Spielfreude der Gäste Heike Ronniger und Simon van Parys sowie der Langzeit-Mixer Hart und Treuner.
Schauspielerisch umwerfend in der Nuancierung, überragend in Verve und Energie ist Ronniger, die für ihr Solo als Straßenbahnfahrerin tosenden Applaus bekommt - ebenso wie die fabelhaften Musiker.
Jörg Leistner pendelt verschmitzt-pointiert zwischen Keyboard und Piano, Schlagzeuger Frank-Endrik Moll lässt plötzlich die singende Säge herzzerreißend wimmern. Zum
Vorstellungsende nötigt der
enorme Beifall die Academixer zum
Bruch der eisernen Regel, bei Premieren
keine Zugabe zu spendieren. Beklatscht wird ein kurzweiliger
Streifzug durch Leipziger Geschichte(n), der das hiesige Gemüt karikiert und streichelt, ohne Touristen auszusperren. Der Unterhaltungswille ist zwar groß, begräbt aber kaum die Satire unter sich. Was nun der Lipsi mit dem Ganzen zu tun hat und gegen wen sich die Rache richtet? Egal.
Mitwirkende
- Katrin Hart
- Heike Ronniger
- Peter Treuner
- Simon van Parys
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